Walsroder Zeitung vom 18.9.2026: Interview mit Frau Hannemann- Demokratie im Klassenzimmer

Dieses Interview mit Hilke Hannemann von unserer Schule, erschien am 18.9.2026 in der Walsroder Zeitung.

Vom 14. bis 19. September beteiligen sich Zeitungen, Zeitschriften, Radio-, Fernseh- und Onlinemedien in ganz Deutschland an der Aktionswoche „Demokratie braucht viele Stimmen“. Sie werben für Pressefreiheit, Medienvielfalt und unabhängigen Journalismus – auch die Walsroder Zeitung macht mit.

Eine, die im Heidekreis täglich für Demokratie wirbt, ist Hilke Hannemann. Die 34-Jährige unterrichtet seit 2020 am Gymnasium Walsrode die Fächer Politik-Wirtschaft und Französisch, begleitet die Schülervertretung und leitet auch außerhalb des Schulbetriebs Workshops zur Demokratieförderung. Sie organisiert Begegnungen mit politischen Entscheidungsträgern, zum Beispiel eine Berlin-Fahrt zum damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz. Im WZ-Interview erzählt die Lehrerin, die mit ihrem Mann in Walsrode lebt, was sie antreibt und worin die größten Herausforderungen liegen, junge Menschen zum Mitdenken und kritischen Hinterfragen zu ermutigen.

Walsroder Zeitung: Ihr Engagement innerhalb und außerhalb der Schule ist wirklich sehr vielfältig. Was ist Ihr Antrieb, sich derart stark für die Gesellschaft und die Demokratie einzubringen?

Hilke Hannemann: Mehr und mehr merke ich, dass die Art, wie wir leben, keine Selbstverständlichkeit ist. Das ist natürlich auch durch mein Fach Politik-Wirtschaft bedingt: Je länger man das selber unterrichtet und je länger man sich mit dem politischen Geschehen in der Welt auch auseinandersetzt, desto mehr merkt man, wie viel Glück man hatte, in einem Land geboren zu werden wie Deutschland. Ich halte unser Land für ein großartiges Land. Ich finde, wir haben unheimlich viele Möglichkeiten, und ich glaube, dass viele Menschen das manchmal aus dem Blick verlieren. Und ich möchte wirklich dafür kämpfen, dass diese Freiheiten, die ich auch heute als junge Frau ja immer noch habe, uns nicht genommen werden und dass wir sie nicht leichtfertig weggeben. Und ich empfinde ganz viel Verantwortung für die Schülerschaft. Und weil ich keine eigenen Kinder habe, denke ich umso mehr natürlich an diese junge Generation, die mir anvertraut ist. Und mein Antrieb ist, dass ich das wirklich als einen Teil meiner Identität sehe. Also ich bin nicht nur Lehrerin oder Ehefrau oder Freundin oder Tochter, ich bin auch Demokratin. Das ist einfach ein Teil meiner Identität, so sehe ich das ganz klar, und dieses Bild einer Demokratin bringt für mich mit sich, dass man sich einsetzt.

Das geht aber deutlich über Ihre eigentliche Arbeitszeit in der Schule hinaus.

Ja. Die Schule ist auch ein Teil meines Ehrenamtes, weil ich dort oft viel mehr mache, als ich vielleicht von den Stunden her müsste. Aber für mich geht das einfach im Alltag weiter. Ich finde, jede und jeder hat Fähigkeiten und Ideen, und es gibt so viele Kontakt- und Anknüpfungspunkte, wo man sich einbringen kann, und ich möchte auch zeigen, was alles geht. Man muss sich auch mal was trauen, man muss zu einer Debatte gehen oder dem Bundeskanzler einfach mal schreiben – so ist damals diese Fahrt auch entstanden. Einfach eine E-Mail schicken, und plötzlich darf man nach Berlin reisen. Ich glaube, je mehr ich auch mache und je mehr ich das auch zeige, was ich mache, desto mehr können auch die jungen Leute sich davon inspirieren lassen.

Fällt das auf fruchtbaren Boden – und geht es dabei vor allem um das Miteinander?

Das tut es. Die Schülerinnen und Schüler probieren sich aus. Das sind eigentlich dann auch die größten Momente, wenn ich die jungen Leute sehe, wie die auf Demonstrationen vorsprechen oder bei Debatten plötzlich auf dem Podium selber sitzen. Da geht mir das Herz wirklich auf, weil ich denke, so viele Nachrichten, die auch negativ sind oder auf uns einprasseln – da sind so viele gute Lichtpunkte, an denen ich mich selber auch festhalte, weil die Zeiten wild und stürmisch sind, das nehmen wir alle wahr. Und trotzdem finde ich, der Blick auf diese Habenseite lohnt sich immer wieder. Das gibt mir ganz viel und hält mich auch bei Laune. Ich glaube, davon lebt Demokratie auch: Wir sind ein großes Kollektiv, wir müssen uns irgendwie miteinander arrangieren, und wenn man sich so reinwirft und mitmacht, dann fühlt sich das einfach besser an und dann entfremdet man sich auch nicht.

Wie schaffen Sie es, dass Schülerinnen und Schüler wirklich miteinander statt übereinander reden?

Das gelingt vor allem, wenn man sich wirklich Zeit dafür nimmt. Die jungen Leute wollen über Dinge reden, gerade auch über aktuelle Themen, und das analysieren wir im Unterricht miteinander. Ich finde es total wichtig, mal zu fragen: „Wie geht es euch eigentlich?“ Das kommt vielleicht manchmal nicht genug vor in der Schule. Wir alle sind ja nicht nur Lehrkräfte, sondern wirklich auch zur Begleitung, zur Unterstützung da. Und wenn man den Schülerinnen und Schülern diesen Raum auch gibt, sich politisch auszutauschen, dann kommen ja auch interessante Diskussionen zustande. Ich habe das auch öfter, dass ich sage: Bitte lasst uns das Tablet einfach mal weglegen. Wir müssen uns jetzt mal angucken, wir müssen wirklich miteinander reden, und ich möchte hören, was ihr denkt, was ihr sagt, und nicht, was irgendeine künstliche Intelligenz euch vorschlägt, was ihr denken könntet. Wir müssen da wieder hinkommen, die sozialen Interaktionen zu stärken. So kann Demokratiebildung stattfinden im Alltag. Es ist für mich zum Beispiel eine ganz wichtige Regel im Unterricht, dass wirklich keiner spricht, wenn ein anderer spricht. Nicht, weil ich super streng bin, sondern weil ich unbedingt möchte, dass sie das lernen, dass sie wirklich zuhören, wenn die anderen sprechen, und dass sie das auch irgendwie einschätzen können, was andere Menschen von sich geben.

Wie sehen Sie die Rolle der Medien in diesem Themenfeld?

Gerade die Darstellung der öffentlich-rechtlichen Medien ist meiner Meinung nach vonseiten mancher Parteien sehr fehlerhaft. Wir brauchen einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dass er nicht immer perfekt durchdacht ist oder es durchaus Kritikwürdiges gab, bedeutet aber noch nicht, dass diese Institution an sich ein Fehler ist oder irgendwie abgeschafft gehört. Meiner Meinung nach ist es unheimlich wichtig, Medien zu trennen von jeder Form von politischer Abhängigkeit. Wir wissen, wohin das führen kann. Medien sind mit das erste Angriffsziel, wenn man Demokratien oder Gesellschaften destabilisieren will, und wenn wir das nicht schützen vor dem Einfluss bestimmter Gruppierungen oder Parteien oder der Politik, dann finde ich das brandgefährlich. Der öffentlich-rechtliche, unabhängige Rundfunk, die unabhängigen Medien – das ist mit das Wichtigste, um unsere Demokratie zu erhalten. Und mir graut es davor, was es bedeuten würde, wenn sich da Parteien einmischen.

Wie sieht für Sie gelungene politische Bildung im ländlichen Raum – wie im Heidekreis – aus?

Ich wünsche mir ganz viele Angebote für Schülerinnen und Schüler, an denen sie niedrigschwellig teilnehmen können. Ich wünsche mir, dass es ganz selbstverständlich ist, dass Schülerinnen und Schüler oder junge Leute in den verschiedenen Gremien sitzen, dass man sie einlädt. Das Jugendparlament natürlich wäre auch wieder toll, wenn wir das wieder mehr beleben könnten. Dafür brauchen wir die jungen Leute aber auch, und ich glaube, wenn sie sich wirklich gehört und gesehen fühlen, dann haben sie auch Lust mitzumachen. Ich finde einfach, wir brauchen ganz vielfältige Angebote, damit für jeden und jede irgendwie etwas dabei ist.

Sehen Sie sich auch selbst durch Ihr eigenes Wirken als Vorbild für Ihre Schülerinnen und Schüler?

Ja, man ist es, ob man will oder nicht, und das ist auch der Punkt. Man ist ja immer Vorbild, und ich glaube, wenn ich schon ein Vorbild sein kann, dann möchte ich ein gutes Vorbild sein. Ich habe als junger Mensch früher viel Jugendarbeit gemacht. Ich habe mir immer vorgestellt, dass es vielleicht als Lehrerin dann so auf Augenhöhe nicht mehr klappen kann. Aber ich nehme das heute anders wahr. Ich glaube, dass die Schülerinnen und Schüler merken, dass ich sie ernst nehme und dass ich wirklich an ihnen interessiert bin. Ich zeige mich so, wie ich bin. Ich möchte in meinem Alltag genauso sein, wie ich als Lehrerin bin, also nicht irgendwie eine Rolle spielen, in die ich schlüpfe. Ich möchte einfach zeigen, dass ich ein Teil dieser Gesellschaft bin und dass sie es auch sind. Hoffentlich mit guten Dingen und mit guten Taten. Das wäre schön. Ich bin ein riesengroßer Fan der Demokratie. Und das zeige ich auch im Unterricht. Ich sterbe für die Demokratie innerlich. Das ist mir wirklich ein Herzensanliegen.

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