Schreibwerkstatt der 8g

Die Klasse 8g hat im Deutschunterricht bei Renate Eggersglüß ein Projekt mit dem Thema „Schreibwerkstatt“ durchgeführt. Die Schüler haben Paralleltexte zu „Mein Schweigen“ von Adelheid Duvanel geschrieben. Es geht um ein Mädchen, das in einem Kinderheim lebt und sich von den Erzieherinnen falsch behandelt fühlt. Hier sind die Geschichten von Laura Meyer, Lucie Dettmer, Tabea Rick und Naomi Siewert nachzulesen.

 

Mein alltägliches Leben (von Naomi Sievert und Tabea Rick)

Ich heiße Esmeg, bin dreizehn Jahre alt und lebe in einer Stadt im Süden von Deutschland namens Pausohnend. Meine Mitschüler Mo, Bob und Mark ärgern mich täglich im Schulbus. Sie diskutieren lautstark darüber, was heute wieder fehlerhaft an mir ist! Das ist echt unverschämt, doch ich habe leider keinen starken Willen, um mich gegen sie zu wehren. Gestern war es wieder besonders schlimm. Ich fühlte mich wie ein hilfloses, kleines, nacktes Hühnchen inmitten von vielen, großen Füchsen!

Während ich an Bob vorbeiging, beschmierte er mich mit Zahnpasta. Mich dünkt, als könnte er mich nicht leiden. Einen Augenblick später riss mir Mo meine Mütze vom Haupt und klebte mir dann einen aufgeweichten Schokoriegel auf die Haare. Das fand ich sehr ungehörig!

Als ich es meinen Eltern berichten wollte, zuckten sie nur mit den Schultern und stellten den Fernseher einfach noch lauter. Ich verstehe überhaupt nicht, warum sie mir nicht helfen wollen, das ist doch eine ernste Sache!?!

Jetzt bin ich in meinem Zimmer und schreibe private E-Mails. Meine Mutter kommt rein und fragt was ich tue. Ich antworte nicht und mache den Computer schnell aus. Mir war klar, dass sie jetzt wider einen auf macht. Das ist so, als wenn eine dumme Kuh zu ihrem Kälbchen kommt und nachschaut, ob es auch das richtige Gras frisst.

MEIN PROBLEM: Ich bin NICHT ihr Kälbchen!!!

 


 

 Simon… (von Laura Meyer und Lucie Dettmer)

„Hey Mam, wir sind wieder da!“, rufe ich als Begrüßung zu meiner Mutter, die irgendwo bei uns im Haus ist. „Schatz, es heißt ich. ICH bin wieder da“, kommt sofort die Antwort meiner immer-auf-perfektes-Deutsch achtenden Mutter.

Jedoch bin ich da ein hoffnungsloser Fall. Obwohl meine Aussage dieses Mal stimmt: Wir sind wieder da. Ich bin nicht allein. Aber das sieht meine Mam zum Glück nicht. Ich drehe mich zu Simon um und weise ihn, den Zeigefinger vor meine gespitzten Lippen haltend, darauf hin, leise zu sein. Zur Antwort nickt er, bevor er mir leise die Treppe hinauf zu meinem Zimmer folgt.

Er lässt sich auf mein Bett fallen und lächelt mich an: „Und was machen wir jetzt?“ Ich verdrehe die Augen, muss aber auch über seinen Kommentar lachen: „ICH hole jetzt etwas zu essen und DU bleibst hier!“ Enttäuschung spiegelt sich in seinem Gesicht, was mich wieder zum Lachen bringt. Fröhlich laufe ich nach unten in die Küche. Ich stelle zwei Gläser, eine Wasserflasche und eine Packung Eiscreme auf ein Tablett. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem Zimmer.

Doch kurz vor dem Treppenabsatz hält meine Mutter mich auf. „Ich habe für heute einen Termin mit Herrn Schmitt gemacht. Er wird dir helfen…“ „Ich muss nicht zu Herrn Schmitt, wer auch immer das ist. Mir geht´s gut. Ich brauche keine Hilfe.“ Der ohnehin schon traurig-ernste Blick wurde noch trauriger und ernster. „Jette…! Bitte, du musst dich doch nur mit ihm unterhalten!“, ihre Stimme klingt so flehend, dass ich ihr die Bitte nicht ausschlagen kann. Also nicke ich. Daraufhin breitet sich ein erleichtertes Lächeln über ihrem Gesicht aus. Ich schiebe mich an ihr vorbei, um nach oben zu kommen. Den ganzen Weg bis zu meinem Zimmer werde ich von ihrem besorgten Blick verfolgt.

Als ich endlich meine Zimmertür aufstoße, wartet Simon schon auf mich. Nach einem Blick auf mein Tablett sagt er: „Du hast die Löffel vergessen.“ Er hat Recht, Eiscreme kann man ja schlecht mit den Fingern essen. Da ertönt der Ruf meiner Mutter: „Wir müssen jetzt los!“ Simon sieht mich neugierig an: „Wohin müsst ihr?“ Ich hebe nur ratlos die Schultern. „Zu irgendeinem Herrn Schmitt. Ich denke wir sind in ungefähr zwei Stunden zurück. Solange kannst du hier bleiben.“ `Doktor Schmitt´ steht auf dem Schild neben der Tür von Herrn Schmitts Büro. Meine Mam hat gar nicht erwähnt, dass er einen Doktortitel hat.

Bei genauerem Betrachten des Schildes kann ich das Kleingedruckte `Psychologe´ lesen. Was soll ich bei einem Psychologen? Wir betreten den Raum, in dem ein großer Schrank, ein Sessel und ein gemütlich aussehendes Sofa stehen. Meine Mam geht sofort zu dem haarlosen Mann mit einer komischen Brille. Er schüttelt uns die Hand und fordert uns dann zum Hinsetzen auf. „Jette, erzähl doch mal etwas.“ Ich blicke ihn ratlos an. „Was denn?“ „Irgendetwas über dich. Vielleicht was du gerne machst oder über deine Familie oder Freunde oder einfach etwas aus der Schule.“ Zögernd fange ich an und werde dann immer schneller, sodass Herr Schmitt alle möglichen Informationen auf einmal bekommt: „Eigentlich gibt es da nichts… Ich spiele Badminton und gehe zum Ballett, in der Schule bin ich durchschnittlich, mit meinen Eltern komme ich ganz gut zurecht, obwohl mein Vater sehr viel arbeitet…

Ach ja, Freund habe ich auch einige“, unschlüssig, ob ich auch das Richtige gesagt habe, schaue ich ihn an. Aber er nickt nur und macht sich Notizen in ein kleines Buch. Als er fertig ist, sagt er mit der emotionsloser Stimmer, mit der er schon die ganze Zeit spricht: „Erzähl mir mehr über deine Freunde.“ Da ich nicht genau weiß, worauf er hinaus will, fange ich einfach an zu reden: „Melanie und Anne waren meine besten Freundinnen, aber seitdem ich mit Simon zusammen bin, sind sie die ganze Zeit total eifersüchtig und deshalb habe ich keine Lust mehr etwas mit ihnen zu machen.“

Doktor Schmitt macht sich wieder Notizen in sein Buch und weil er sonst nichts tut, rede ich einfach weiter: „Simon und ich sind schon jahrelang befreundet, aber jetzt, wo wir zusammen sind, regen sie sich plötzlich auf.“ Meine Mam wirft dem Psychologen einen verängstigten Blick zu. Ich weiß gar nicht, was sie hat. Okay, sie wollte nicht, dass ich Simon als festen Freund habe, weshalb er sich auch immer bei uns verstecken muss, aber immerhin bin ich ehrlich und verrückt bin ich auch nicht. Also was ist ihr Problem? Herrn Schmitts erste offene Reaktion reißt mich aus den Gedanken, jedoch werde ich enttäuscht, denn er guckt genauso einfallslos ernst-traurig wie meine Mutter. „Du sprichst von Simon Schröder, nicht wahr?“ „Ja“, ich kneife die Augen zusammen, denn ich bin ganz schön überrascht, über das, was er alles weiß. „Woher wissen sie das?“

Er räuspert sich. „Simon Schröder ist vor zwei Monaten mit seinen Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“ Ich muss fast lachen, doch da fällt mir ein, dass der Tod von zwei Menschen nicht zum Lachen ist. „Simon ist nicht tot, nur seine Eltern. Ihm geht´s gut. Er sitzt friedlich bei uns zu Hause und isst unser Eis.“ Mam mischt sich zum ersten Mal ins Gespräch ein: „Bei uns ist niemand. Jette-Schatz bitte versteh´ doch, Simon ist tot!“

 

 

 

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